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Die letzte Stille


Eine Reportage vom Lago de Atitlán, kurz bevor ihn die Welt entdeckt


Das Boot legt um sechs Uhr siebzehn ab, und der See riecht nach kaltem Stein. Über dem Wasser liegt ein Schleier, der nicht Nebel ist, sondern Atem — die warme Luft des Sees, die in der kühlen Höhenluft kondensiert.



Eintausendfünfhundertzweiundsechzig Meter über dem Meer. Die Schraube schneidet eine schwarze Furche in eine Oberfläche, die aussieht, als wäre sie aus Asphalt gegossen.

Vorne steht Edgar, der Bootsführer, in einer Daunenjacke, die ihm zwei Nummern zu groß ist. Er ist zweiundvierzig, geboren in San Pedro La Laguna am Westufer, hat in den neunziger Jahren als Jugendlicher in Los Angeles Tellerwäscher gearbeitet und ist zurückgekehrt, weil seine Mutter ihn brauchte und weil er, wie er sagt, in Kalifornien das Atmen verlernt hatte. Er spricht das schnelle, harte Spanisch der Maya-Hochländer, in dem die Endsilben verschluckt werden wie Tabakrauch. Tz'utujil ist seine Muttersprache, eine der einundzwanzig Maya-Sprachen, die in Guatemala bis heute gesprochen werden.

Vor uns wachsen drei Vulkane aus dem See: der Atitlán, der Tolimán, der San Pedro. Drei Tausender, fast senkrecht, dunkelgrün im ersten Licht. Sie sind das Ergebnis einer Eruption, die vor etwa vierundachtzigtausend Jahren ein Loch in die Erde sprengte, das sich später mit Wasser füllte. Geologen sprechen von einer der gewaltigsten vulkanischen Ereignisse des Pleistozäns. Maya-Bauern an den Hängen sprechen von etwas anderem. Für sie sind die Vulkane lebende Personen, mit Namen, mit Charakter, mit Entscheidungen. Man bittet sie um Erlaubnis, bevor man ihre Hänge betritt.

Ein See, den die Welt jetzt entdeckt

Im Oktober zweitausendfünfundzwanzig vergab der Guide Michelin zum ersten Mal in seiner Geschichte Auszeichnungen an guatemaltekische Hotels. Vier Häuser erhielten den sogenannten Key, das hotelseitige Pendant zum Restaurantstern. Eines davon ist Casa Palopó, ein Boutique-Refugium hoch über dem Ostufer des Atitlán, das ein Schweizer Architekt in den zweitausender Jahren aus einer alten Finca herausgeschält hat. Vierzehn Zimmer, eine Bibliothek mit präkolumbianischer Keramik, ein Pool, der scheinbar in den See übergeht. Die Nacht kostet, je nach Saison, zwischen fünfhundert und neunhundert US-Dollar.

Die Auszeichnung war ein Signal, das die Branche sofort verstand. Spezialveranstalter berichten, dass die Buchungen für Guatemala in den ersten zwei Januarwochen zweitausendsechsundzwanzig um hundertfünfundzwanzig Prozent gestiegen sind. Expedia hat in seiner jüngsten Trendanalyse einen Anstieg des Reisendeninteresses an Guatemala um fünfundvierzig Prozent gemeldet — die zweithöchste Wachstumsrate aller lateinamerikanischen Destinationen. Was vor zehn Jahren noch ein Backpacker-Geheimtipp war, ist heute der heißeste Markt in Mittelamerika.

Edgar weiß das. Er sagt es mit einer Mischung aus Stolz und Vorsicht, während das Boot Geschwindigkeit aufnimmt. „Vor fünf Jahren waren wir froh über jeden Touristen. Jetzt schicken sie uns Reisende, die nach Bordeaux fragen.“ Er lacht, kurz, ohne Bitterkeit. „Wir lernen das schon noch.“

Ein Hof in San Juan, ein Topf voller Avocadoblätter

San Juan La Laguna liegt am Südwestufer, sieben Bootsminuten von San Pedro entfernt, und ist in den letzten Jahren zu einer kleinen Renaissance des Maya-Kunsthandwerks geworden. Die Frauenkooperative Casa Flor Ixcaco — gegründet zweitausend von siebzehn Weberinnen — empfängt Besucher in einem Hof unter einem Dach aus Wellblech und Bougainvillea. Doña Rosalinda Cholotío, Generationszählung dritte, leitet die Vorführung.

Sie kocht Pflanzen in einem alten Tonkrug über offenem Feuer. Avocadoblätter geben ein dunkles Grün, das sich erst nach Stunden vollständig zeigt. Cochenille-Läuse, zerrieben mit etwas Limettensaft, ergeben ein Rot von einer Sättigung, die kein industrielles Pigment erreicht. Indigo aus dem nahen Hochland kommt aus einem Eimer, in dem die Flüssigkeit zunächst gelb-grün schimmert und erst durch Sauerstoffkontakt jenes tiefe Blau annimmt, das man von alten Maya-Webereien kennt. Die Farbtheorie wurde hier entwickelt, lange bevor sie in Europa einen Namen hatte.

Doña Rosalinda webt am Rückengurt-Webstuhl, einer Konstruktion, die seit zweitausend Jahren unverändert geblieben ist. Ein Ende ist an einem Pfosten befestigt, das andere am Rücken der Weberin. Die Spannung der Kette wird durch das Gewicht ihres Körpers reguliert. Eine Bluse — ein Huipil, die traditionelle Tracht — braucht zwischen drei und sechs Monate. Der Preis liegt bei etwa zweihundertfünfzig US-Dollar, je nach Komplexität. Im Boutique-Hotel zwei Buchten weiter wird dasselbe Stück, neu interpretiert von einem Designer aus Guatemala-Stadt, für eintausendzweihundert Dollar verkauft.

Die Differenz ist, in einem Satz, das Thema dieser Reise.

Maximón, der Volksheilige, der Zigarren raucht

In Santiago Atitlán, dem größten Dorf am See, lebt Maximón. So zumindest sagen es die Tz'utujil-Maya, die ihn jedes Jahr in einem anderen Privathaus unterbringen. Maximón ist eine Holzfigur, etwa einen Meter zwanzig hoch, mit einem Hut, einer Krawatte, einer brennenden Zigarre im Mund und einer Flasche Aguardiente zu seinen Füßen. Er gilt als Schutzpatron der Außenseiter, der Diebe, der Witwen, der Verlassenen. Wer ihn besucht, bringt Zigarren und Schnaps mit. Wer um etwas bittet, das er nicht in der katholischen Kirche aussprechen kann, kommt zu ihm.

Die Spanier konnten ihn nie besiegen. Die Jesuiten versuchten es, die Dominikaner versuchten es, die evangelikalen Missionare des zwanzigsten Jahrhunderts versuchten es. Maximón blieb. Er ist die sichtbare Form einer Religion, die sich weigerte, vollständig assimiliert zu werden — eine Synkrese aus prähispanischen Maya-Gottheiten, dem heiligen Simon der katholischen Volksfrömmigkeit und dem Verräter Judas Iskariot. Die Kirche toleriert ihn inzwischen. Sie hat keine Wahl.

Wer den Atitlán nur als Naturkulisse versteht, hat die Hälfte verpasst. Der See ist ein Ort, an dem zwei Zivilisationen seit fünfhundert Jahren in einer Pattstellung leben. Die katholische Glocke und die Holzfigur mit der Zigarre. Beide haben sich arrangiert. Keiner hat gewonnen.

Der Kaffee von Don Mauricio

Don Mauricio hat eine Finca an den Hängen des Vulkans Atitlán, fünfzehnhundert Meter hoch, knapp dreißig Hektar. Sein Großvater hat sie in den dreißiger Jahren angelegt, in einer Zeit, in der die deutschen Kaffeepflanzer im Hochland von Guatemala die Preise diktierten. Don Mauricio ist Mestize, Mitte sechzig, trägt einen ausgefransten Strohhut und hat die Hände eines Mannes, der seit fünfzig Jahren mit Erde arbeitet.

Er führt durch die Plantagen mit einer Geduld, die man in Europa nicht mehr findet. Bourbon-Sorten, Caturra, ein wenig Geisha auf den höheren Lagen — die Sorte, die in Spezialitäten-Cafés in Berlin und Tokio für vierzig Euro pro hundert Gramm verkauft wird. Er pflückt eine Kirsche, drückt sie zwischen Daumen und Zeigefinger, riecht daran. Vulkanischer Boden, sagt er, gibt dem Kaffee eine bestimmte Mineralität. Die Höhenlage gibt ihm die Säure. Die kühlen Nächte verlangsamen die Reifung und konzentrieren die Zucker.

Wir trinken seinen Kaffee am Nachmittag auf einer Terrasse über der Plantage, ungesüßt, aus kleinen weißen Tassen. Er schmeckt nach dunkler Schokolade, nach getrockneten Kirschen, nach einer Spur Zedernholz im Abgang. Es ist der beste Kaffee, den ich seit Jahren getrunken habe. Don Mauricio verkauft ihn an drei Importeure in Skandinavien und einen in Tokio. In Guatemala selbst, sagt er mit leichtem Lächeln, gebe es keinen Markt für seinen Kaffee. Die Guatemalteken trinken Instantkaffee.

Was in den nächsten Jahren geschehen wird

Die Geschichte des mittelamerikanischen Tourismus folgt einem Muster, das man inzwischen vorhersagen kann. Tulum war zur Jahrtausendwende ein Fischerdorf mit drei Hütten am Strand. Heute ist es ein Resort-Korridor mit Verkehrsstau. Monteverde in Costa Rica war in den neunzigern ein stilles Bergnebelwald-Reservat. Heute laufen dort jährlich zweihundertfünfzigtausend Touristen über die Hängebrücken. Antigua, neunzig Kilometer westlich des Atitlán, ist diesen Weg bereits zur Hälfte gegangen — die Kolonialstadt mit ihren Pflastergassen ist heute ein UNESCO-Welterbe und wird in der Hochsaison von Reisebussen frequentiert, die sich vor dem Bogen von Santa Catalina stauen.

Der Atitlán steht am Anfang dieser Kurve. Die Zahlen lassen wenig Zweifel. Wenn die jüngsten Wachstumsraten anhalten — und es spricht im Moment nichts dagegen — wird der See in fünf Jahren ein anderer sein. Mehr Boutique-Hotels, mehr Schnellboote, mehr Fotografen mit Drohnen, höhere Preise, weniger Stille. Das ist nicht zu verhindern. Es ist auch nicht ausschließlich schlecht. Tourismus bringt Einkommen in Regionen, die historisch zu den ärmsten Mittelamerikas gehören. Aber er verändert, was er entdeckt.

Wer den Atitlán in der heutigen Form sehen will — bevor das Wachstum die Substanz dünner macht — hat ein Fenster von vielleicht zwei, vielleicht drei Jahren. Danach wird der See immer noch schön sein. Aber er wird ein anderer sein.

Eine Rückkehr im Abendlicht

Am letzten Abend sitzen wir auf der Terrasse von Casa Palopó. Die Sonne fällt in einem Winkel über den See, der die Farbe des Wassers von Türkis über Grün zu einem dunklen Indigo wandern lässt. Auf der gegenüberliegenden Seite, sieben Kilometer Luftlinie entfernt, leuchten die ersten Lichter von San Pedro auf. Der Vulkan Atitlán hat eine Wolke am Gipfel, die wie ein Hut aussieht. In der Bibliothek hinter mir liest jemand. Sonst ist es still.

Edgar hat mich am Nachmittag mit dem Boot zurückgebracht. Er hat sich nicht verabschiedet wie ein Bootsführer, sondern wie ein Bekannter — eine Hand auf die Schulter, ein kurzes „Hasta luego“, dann war er weg. Doña Rosalinda hat mir einen kleinen Schal mitgegeben, ungefärbt, weiß, mit einer feinen Borte. Sie sagte, ich solle ihn jemandem schenken, der ihn versteht. Don Mauricio hat eine Tüte Bohnen in mein Auto gelegt, hundert Gramm, kein Etikett. „Für Sie“, hat er gesagt. „Zum Probieren.“

Es gibt Reisen, die endet man mit einer Liste von Sehenswürdigkeiten. Und es gibt Reisen, die endet man mit drei kleinen Geschenken von drei Menschen, deren Leben man kurz gestreift hat.

Bei Mango Tango DMC bauen wir Reisen der zweiten Art. Nicht weil sie besser klingen. Sondern weil sie länger halten.

Eine Frage, am Ende

Was ist der Wert einer Reise, von der niemand sonst die gleiche Geschichte erzählen kann? Und ab welchem Punkt verliert ein Ort genau diesen Wert — durch unsere Anwesenheit, durch unsere Aufmerksamkeit, durch die Tatsache, dass wir ihn entdeckt haben?

— Andreas , Mango Tango DMC

Diese Text hat eine Ki verfasst

 
 
 

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