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Chichicastenango – Wo die Maya-Götter noch Handel treiben

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Donnerstags und sonntags erwacht das Herz der Maya-Kultur zum Leben

Der Wecker klingelt um 5 Uhr morgens. Draußen ist es noch stockfinster, und die kühle Hochlandluft lässt mich kurz zögern, bevor ich aus dem warmen Bett krieche. Aber ich weiß: Wer Chichicastenango wirklich erleben will, muss früh aufstehen. Sehr früh.

Die Fahrt von Panajachel dauert etwa anderthalb Stunden. Die Serpentinen schlängeln sich durch das guatemaltekische Hochland, vorbei an kleinen Dörfern, wo bereits Rauch aus den Hütten steigt – Frauen, die das Frühstück für ihre Familien zubereiten. Je höher wir kommen, desto kühler wird es. Chichicastenango liegt auf 2.070 Metern Höhe, und an diesem Donnerstagmorgen hängt dichter Nebel über den Bergen.


Die Ankunft im Nebel

Als der Minibus um 6:30 Uhr am Busbahnhof von "Chichi", wie es die Einheimischen nennen, ankommt, herrscht bereits reges Treiben. Aber es sind keine Touristen – noch nicht. Es sind die Händler, die ihre Stände aufbauen. Lastwagen entladen Berge von Textilien, Gemüse, Töpfen, Holzschnitzereien. Frauen in traditionellen Huipiles und Cortes (Röcken) tragen riesige Körbe auf dem Kopf, balancieren sie mit einer Leichtigkeit, die Jahre der Übung verrät.

Der Nebel liegt so dicht über der Stadt, dass man kaum zwanzig Meter weit sehen kann. Die weiße Fassade der Kirche Santo Tomás taucht gespenstisch aus dem Grau auf. Auf den Stufen der Kirche brennen bereits die ersten Feuer – nicht zur Beleuchtung, sondern Weihrauch, Copal, der süßlich-harzige Duft steigt in die kalte Morgenluft.

Ich hülle mich enger in meine Jacke und bahne mir einen Weg durch die sich füllenden Gassen. Überall werden Stände aufgebaut, Planen gespannt, Waren ausgelegt. Das Klappern von Metall, das Rufen der Händler untereinander, das Schnauben der Pferde, die schwere Karren ziehen – eine Symphonie des Aufbruchs.


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Ein Markt seit präkolumbianischen Zeiten

Chichicastenango ist kein gewöhnlicher Markt. Er ist einer der ältesten und größten indigenen Märkte in ganz Mittelamerika. Schon vor der spanischen Eroberung, vor über 500 Jahren, versammelten sich hier die K'iche'-Maya zum Handel. Damals hieß der Ort Chaviar. Die Spanier gaben ihm den zungenbrecher-artigen Namen Chichicastenango – abgeleitet vom Nahuatl-Wort für "Ort der Brennnesseln".

Aber die Einheimischen nennen ihn noch heute Chugüilá in ihrer K'iche'-Sprache. Und jeden Donnerstag und Sonntag verwandelt sich die verschlafene Kleinstadt mit ihren 140.000 Einwohnern in ein pulsierendes Zentrum des Handels, der Kultur und des Glaubens.

Gegen 8 Uhr morgens beginnt sich der Nebel zu lichten. Und dann offenbart sich das wahre Ausmaß des Marktes. Er erstreckt sich über fast das gesamte Stadtzentrum – die Plaza, die umliegenden Straßen, die Innenhöfe. Hunderte, nein, Tausende von Ständen reihen sich aneinander. Schätzungen zufolge kommen an Markttagen bis zu 80.000 Menschen nach Chichi – Händler, Käufer, Schaulustige.


Das Farbenmeer der Textilien

Mein erster Gang führt mich zu den Textilständen, die den Großteil des Marktes ausmachen. Und was für ein Anblick! Es ist eine Explosion der Farben – leuchtendes Rot, tiefes Blau, strahlendes Gelb, sattes Grün. Huipiles hängen an Stangen, flattern im Wind wie bunte Fahnen. Tischdecken, Taschen, Gürtel, Schals, Decken – alles in den traditionellen Maya-Mustern, geometrisch, komplex, jedes Teil ein Kunstwerk.

Ich bleibe bei einem Stand stehen, wo eine ältere Frau sitzt, ihr Gesicht tief gefurcht von der Sonne und den Jahren. Sie trägt selbst einen spektakulären Huipil in Lila und Orange, mit komplizierten Stickereien von Vögeln und Blumen.

"Buenos días, señora", grüße ich.

Sie lächelt, zeigt auf ihre Waren. "Todo hecho a mano", sagt sie. Alles handgemacht. Ihre Finger gleiten über einen Huipil, und ich sehe die Liebe zum Detail – jeder Stich von Hand gesetzt, jedes Muster perfekt symmetrisch.

"¿Cuánto tiempo?" frage ich. Wie lange?

"Tres meses", antwortet sie. Drei Monate für einen einzigen Huipil. Sie zeigt mir die Rückseite – die Stiche sind genauso akkurat wie auf der Vorderseite. Das ist echte Handwerkskunst, keine Massenproduktion.

Wir handeln. Das gehört hier zur Kultur, ist fast schon ein Ritual. Sie nennt einen Preis, ich biete weniger, sie schüttelt den Kopf, aber lächelt dabei. Wir einigen uns schließlich auf einen fairen Preis – 400 Quetzales, etwa 50 Euro, für ein Stück, an dem drei Monate Arbeit steckt. In Europa würde so etwas das Zehnfache kosten.


Die heiligen Stufen von Santo Tomás

Gegen 10 Uhr mache ich mich auf den Weg zur Kirche Santo Tomás. Die breite Treppe, die zur Kirche hinaufführt, ist das spirituelle Herz von Chichicastenango. Und was sich hier abspielt, ist eine faszinierende Verschmelzung von Maya-Spiritualität und katholischem Glauben.

Die achtzehn Stufen – eine heilige Zahl in der Maya-Kosmologie – sind bedeckt mit Opfergaben. Blumen, Kerzen, Räuchergefäße, in denen Copal brennt. Maya-Priester, erkennbar an ihren zeremoniellen Tüchern und Räuchergefäßen, führen Rituale durch. Sie murmeln Gebete in K'iche', schwenken rauchende Copal-Bündel, streuen Blütenblätter.

Ein älterer Mann kniet auf den Stufen, vor ihm brennen dutzende Kerzen in verschiedenen Farben. Jede Farbe hat eine Bedeutung: Weiß für Frieden, Rot für Liebe, Gelb für Geld, Grün für Gesundheit. Er betet leise, seine Augen geschlossen, völlig versunken.

Ich setze mich respektvoll zur Seite und beobachte. Touristen mit Kameras versuchen Fotos zu machen, aber ein Wachmann schüttelt den Kopf. "No fotos en las gradas", sagt er streng. Keine Fotos auf den Stufen. Das hier ist kein Schauspiel für Touristen – es ist gelebter Glaube.

Die Kirche selbst, erbaut 1540 von den spanischen Kolonialherren, ist ein faszinierendes Beispiel religiöser Synthese. Das Innere ist dunkel, erfüllt vom Duft des Weihrauchs. Hunderte von Kerzen flackern, werfen tanzende Schatten. Aber anders als in katholischen Kirchen Europas gibt es hier keine Bänke. Die Menschen knien direkt auf dem Steinboden, beten auf ihre eigene Weise – eine Mischung aus christlichen Gebeten und Maya-Ritualen.

Am Hauptaltar steht eine Statue der Jungfrau Maria, aber sie ist umgeben von Maya-Symbolen. Und draußen, auf den Stufen, werden die alten Götter verehrt – Herz des Himmels, Herz der Erde, die Götter der vier Himmelsrichtungen.

Es ist diese Koexistenz, diese Verschmelzung zweier spiritueller Welten, die Chichicastenango so besonders macht. Die Spanier mochten die Kirche gebaut haben, aber die Maya haben sie zu ihrem eigenen Ort gemacht.


Pascual Abaj – Der Opferplatz auf dem Hügel

Wer das spirituelle Chichicastenango wirklich verstehen will, muss Pascual Abaj besuchen – einen präkolumbianischen Opferplatz auf einem Hügel außerhalb der Stadt. Der Weg dorthin führt durch ein Wohnviertel, vorbei an einfachen Häusern, spielenden Kindern, bellenden Hunden.

Nach etwa zwanzig Minuten Fußmarsch erreiche ich eine Lichtung im Pinienwald. In der Mitte steht eine uralte Steinskulptur, schwarz vom Ruß unzähliger Opferfeuer. Das ist Pascual Abaj – der Name bedeutet "Steinopferplatz" in K'iche'.

Als ich ankomme, findet gerade eine Zeremonie statt. Eine Familie ist hier, begleitet von einem Maya-Priester oder Aj q'ij, einem Tageshüter. Der Boden vor dem Stein ist bedeckt mit Blumen, Früchten, Kerzen. Ein Feuer brennt, in dem Copal und andere Harze verbrannt werden.

Der Aj q'ij spricht eindringlich, seine Worte klingen wie Gesang. Er ruft die Ahnen an, die Götter der Natur, bittet um Segen für die Familie. Die Familie kniet, die Köpfe gesenkt. Ein kleines Mädchen, vielleicht sechs Jahre alt, hält die Hand ihrer Mutter und schaut mit großen Augen ins Feuer.

Ich bleibe im Hintergrund, will nicht stören. Der Aj q'ij hat mich gesehen, nickt mir kurz zu – ein stilles Einverständnis, dass ich bleiben darf, solange ich respektvoll bin.

Die Zeremonie dauert fast eine Stunde. Dann, als das Feuer zu Glut herabgebrannt ist, erhebt sich die Familie. Die Mutter umarmt ihre Kinder, der Vater legt dem Aj q'ij etwas Geld in die Hand. Sie wirken erleichtert, befreit irgendwie.

Als sie gegangen sind, spreche ich kurz mit dem Aj q'ij. Er ist offen, freundlich. "Viele Leute kommen hierher", erzählt er. "Für Heilung, für Glück, um die Ahnen zu ehren. Das hier ist älter als die Kirche in der Stadt. Das hier haben die Spanier nicht zerstören können."

In seinen Worten liegt Stolz – und auch ein Stück Widerstand. Die Maya wurden erobert, christianisiert, unterdrückt. Aber ihre spirituellen Traditionen haben überlebt, im Geheimen weitergegeben, von Generation zu Generation.


Das kulinarische Herz des Marktes

Zurück auf dem Markt ist es mittlerweile Mittag, und mein Magen knurrt. Der Geruch von gegrilltem Fleisch, gekochtem Mais und warmen Tortillas zieht durch die Gassen. Der Lebensmittelbereich des Marktes ist ein Fest für die Sinne – und manchmal eine Herausforderung.

Riesige Stapel von Chilis in allen Größen und Schärfegraden. Berge von Tomaten, Avocados, Zwiebeln. Exotische Früchte, die ich nicht alle beim Namen kenne. Kräuter und Gewürze in großen Säcken. Und dann die Fleischstände – ganze Schweine, halbierte Rinder, Hühner, alles ungekühlt in der Sonne. Für westliche Hygiene-Standards ein Albtraum, aber hier völlig normal.

Ich suche mir eine kleine Comedor, eine einfache Essensgarküche, und setze mich auf eine wackelige Plastikstühle. Eine rundliche Frau in traditioneller Tracht serviert mir das Menü del Día: Pepián, ein traditionelles guatemaltekisches Gericht aus Huhn in einer dicken Sauce aus Kürbiskernen, Tomaten und Gewürzen. Dazu Reis, schwarze Bohnen und handgemachte Tortillas.

Es ist köstlich. Die Sauce ist komplex, leicht scharf, mit einem nussigen Unterton von den Kürbiskernen. Die Tortillas sind noch warm, perfekt, um die Sauce aufzutupfen. Und das Ganze kostet 25 Quetzales – keine drei Euro.

Um mich herum sitzen Bauern, Händler, Arbeiter. Sie schaufeln ihr Essen schweigend hinein, müde von der Arbeit. Niemand beachtet mich, den Gringo. Das ist ein weiterer Aspekt von Chichicastenango, den ich schätze: Trotz der vielen Touristen ist es kein Disneyland. Es ist ein echter, funktionierender Markt, wo die Einheimischen ihren Handel treiben, ihr Essen kaufen, ihr soziales Leben pflegen.


Die Masken und das Popol Vuh

Nach dem Essen schlendere ich durch die Gassen, wo Holzschnitzer ihre Waren anbieten. Chichicastenango ist berühmt für seine geschnitzten Masken – groteske, bunte Gesichter, die bei traditionellen Tänzen verwendet werden.

Ein älterer Schnitzer, Don Esteban, sitzt vor seinem Stand und arbeitet an einer neuen Maske. Seine Hände, knotig und vernarbt von Jahrzehnten der Arbeit, führen das Schnitzmesser mit erstaunlicher Präzision.

"Das hier", erklärt er mir, "ist eine Maske für den Tanz der Conquista. Sie stellt einen spanischen Conquistador dar." Die Maske hat tatsächlich europäische Gesichtszüge, einen großen Schnurrbart, und ist bemalt in Weiß und Rot.

"Wir tanzen diese Geschichten", fährt er fort, "damit wir sie nicht vergessen. Die Eroberung, die Kämpfe, unsere Niederlage – aber auch unseren Widerstand."

Chichicastenango hat auch eine besondere Bedeutung in der Maya-Literatur. Hier wurde 1701 das Popol Vuh entdeckt – das heilige Buch der K'iche'-Maya, die Schöpfungsgeschichte, das religiöse und mythologische Herz der Maya-Kultur. Ein spanischer Priester, Francisco Ximénez, fand das Manuskript hier und übersetzte es. Ohne diese Entdeckung wäre ein großer Teil des Maya-Wissens für immer verloren gewesen.

Heute gibt es in Chichicastenango ein kleines Museum, das Museo Regional, wo man mehr über das Popol Vuh und die Geschichte der Region erfahren kann. Es ist nicht spektakulär, aber informativ – und vor allem: authentisch.


Wenn der Markt schlafen geht

Gegen 16 Uhr beginnt der Markt sich zu leeren. Die Händler packen ihre Waren zusammen, falten ihre Planen, laden ihre Pick-ups. Der Boden ist übersät mit Müll – Plastiktüten, Essensreste, zerbrochene Kisten. Männer mit Besen beginnen bereits mit der Reinigung.

Bis zum Abend wird die Plaza wieder fast leer sein. Chichicastenango wird zurückverwandeln in eine ruhige Hochlandstadt, wo nicht viel passiert. Bis Sonntag. Dann erwacht der Markt erneut zum Leben.

Ich setze mich auf die Stufen einer kleinen Kapelle und beobachte das Treiben. Eine alte Frau kommt vorbei, auf dem Kopf einen riesigen, jetzt leeren Korb. Sie muss über achtzig sein, ihr Rücken gekrümmt von einem Leben harter Arbeit. Aber sie lächelt, als sie an mir vorbeigeht, murmelt einen Gruß.

Das ist Chichicastenango. Kein poliertes Touristenprodukt, keine Folklore-Show. Es ist echt, rau, manchmal chaotisch. Es ist ein Ort, wo die Maya-Kultur nicht nur überlebt hat, sondern lebt, atmet, sich weiterentwickelt.

Die spanische Eroberung liegt über 500 Jahre zurück. Die Maya wurden unterworfen, ihre Städte zerstört, ihre Religion verboten. Aber hier, auf diesem Markt, auf den Stufen von Santo Tomás, auf dem Hügel von Pascual Abaj – hier sind sie noch immer präsent. Nicht als Museum, nicht als Vergangenheit, sondern als lebendige Gegenwart.



Praktische Informationen:

  • Markttage: Donnerstag und Sonntag (Sonntag ist größer und touristischer)

  • Anreise:

    • Von Antigua: 3 Stunden

    • Von Panajachel: 1,5 Stunden

    • Von Quetzaltenango: 1,5 Stunden

  • Beste Ankunftszeit: Früh morgens (6-7 Uhr) für authentische Atmosphäre, weniger Touristen

  • Unterkunft: In Chichi selbst begrenzt, besser in Panajachel oder Quetzaltenango übernachten

  • Kleidung: Warme Schichten! Auf 2.070m kann es kalt sein, besonders morgens

  • Fotografieren:

    • NICHT auf den Kirchenstufen oder bei Zeremonien

    • Bei Personen immer um Erlaubnis fragen

    • Viele erwarten eine kleine Zahlung für Fotos

  • Handeln: Wird erwartet, aber fair bleiben – dies ist Lebensunterhalt für die Händler

  • Sicherheit: Taschendiebe sind aktiv, besonders wenn es voll ist. Wertsachen nah am Körper tragen

  • Respekt: Dies ist ein heiliger Ort für viele. Angemessene Kleidung, respektvolles Verhalten

Maltyox, Chichicastenango. Danke, Ort der Brennnesseln, wo die Götter noch immer Handel treiben.

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