Die Seele Zentralamerikas – Menschen, Kulturen und Ethnien einer vielfältigen Region
- ganthaler1
- vor 4 Tagen
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Eine Reise durch die ethnische Mosaik zwischen Mexiko und Kolumbien

Die alte Maya-Frau sitzt auf den Stufen der Kirche Santo Tomás in Chichicastenango, umgeben von Rauchschwaden des brennenden Copals. Ihr Huipil leuchtet in intensivem Violett und Orange – Farben, die ihre Herkunft verraten, noch bevor sie ein Wort spricht. Sie murmelt Gebete in K'iche', einer Sprache, die seit über tausend Jahren in diesen Bergen gesprochen wird. Neben ihr hustet ein junger Mann in Jeans und Nike-Shirt ins Handy – auf Spanisch, mit ein paar englischen Wörtern dazwischen gestreut.
Das ist Zentralamerika in einem einzigen Bild: Eine Region, wo präkolumbianische Kulturen auf koloniales Erbe treffen, wo indigene Traditionen neben globaler Modernität existieren, wo 47 Millionen Menschen auf einem relativ kleinen Landstreifen eine erstaunliche ethnische und kulturelle Vielfalt leben.
Nach drei Jahrzehnten des Reisens durch diese Region habe ich gelernt: Zentralamerika zu verstehen bedeutet, seine Menschen zu verstehen. Und diese Menschen sind so vielfältig wie die Landschaften selbst.
Die indigenen Völker – Erben großer Zivilisationen
Beginnen wir mit den Ersten – den indigenen Völkern, die hier lebten, lange bevor Kolumbus den Atlantik überquerte.
Die Maya – Mehr als Ruinen und Kalender
Wenn die meisten Menschen "Maya" hören, denken sie an Pyramiden, mysteriöse Kalender und verschwundene Zivilisationen. Was viele nicht wissen: Die Maya sind nicht verschwunden. Über 7 Millionen Maya leben heute in Zentralamerika – hauptsächlich in Guatemala (60% der Bevölkerung), aber auch in Belize, Honduras und El Salvador.
Ich erinnere mich an einen Nachmittag in Santiago Atitlán am gleichnamigen See. Don Nicolás, ein Tz'utujil-Maya in seinen Siebzigern, saß mit mir im Schatten eines Avocadobaums und erklärte mir die Bedeutung der Muster in seinem handgewebten Gürtel.
"Das hier", sagte er und zeigte auf eine Serie von Rauten, "ist der Kosmos. Vier Ecken, vier Richtungen, vier Farben – Rot für Osten, Schwarz für Westen, Weiß für Norden, Gelb für Süden. Das lernte ich von meinem Vater, und er von seinem Vater, zurück bis in die Zeit vor den Spaniern."
Die modernen Maya sind keine einheitliche Gruppe. Es gibt über 30 verschiedene Maya-Ethnien, jede mit eigener Sprache (oder Dialekt), eigenen Traditionen, eigener Tracht. Die größten Gruppen sind:
K'iche' – Die größte Maya-Gruppe in Guatemala, etwa 1,5 Millionen Menschen. Sie leben hauptsächlich im westlichen Hochland, rund um Quetzaltenango und Totonicapán. Ihre Sprache war die der alten K'iche'-Königreiche, und das Popol Vuh – das heilige Buch der Maya – wurde in K'iche' geschrieben.
Q'eqchi' – Etwa eine Million Menschen, hauptsächlich in Alta Verapaz. Ich habe Q'eqchi'-Gemeinden in den Bergen nahe Cobán besucht. Viele leben noch immer von Subsistenzlandwirtschaft, bauen Mais, Bohnen und Kardamom an. Die Q'eqchi' waren historisch isolierter als andere Maya-Gruppen und haben deshalb viele ihrer Traditionen besonders gut bewahrt.
Mam – Rund 700.000 Menschen im westlichen Hochland Guatemalas und in Chiapas, Mexiko. Ich war einmal auf einer traditionellen Mam-Hochzeit in der Nähe von Huehuetenango – drei Tage Feierlichkeiten mit traditionellen Zeremonien, die vermutlich seit Jahrhunderten unverändert sind.
Kaqchikel – Etwa 500.000 Menschen, viele rund um den Atitlán-See und in der Region Antigua. Ihre Dörfer wie San Antonio Palopó sind bekannt für ihre intensiv gefärbten Textilien.
Tz'utujil – Eine kleinere Gruppe von etwa 100.000 Menschen, hauptsächlich am Atitlán-See. Santiago Atitlán und San Pedro La Laguna sind ihre Hauptzentren. Die Tz'utujil haben eine starke spirituelle Tradition bewahrt, einschließlich der Verehrung von Maximón.
Was mich immer wieder fasziniert: Wie stark die Maya-Identität trotz 500 Jahren Kolonialismus, Diskriminierung und Unterdrückung geblieben ist. In vielen Dörfern ist Spanisch die Zweitsprache – zu Hause, im Markt, bei Zeremonien spricht man Maya.
Doña María, eine Weberin in San Juan La Laguna, erzählte mir einmal: "Die Spanier haben unsere Tempel zerstört, unsere Bücher verbrannt, unsere Könige getötet. Aber sie konnten unsere Sprache nicht töten, unsere Webkunst nicht töten, unsere Verbindung zur Erde nicht töten. Wir sind immer noch hier."
Die anderen indigenen Völker – Oft vergessen, aber nicht verschwunden
Während die Maya die größte und bekannteste indigene Gruppe sind, gibt es viele andere:
Lenca (Honduras, El Salvador) – Etwa 100.000 Menschen. Die Lenca waren einst eine mächtige Zivilisation, die den spanischen Eroberern erbitterten Widerstand leistete. Heute leben sie hauptsächlich in ländlichen Gebieten im westlichen Honduras. Ihre Töpferkunst – besonders die schwarze Keramik – ist legendär.
Ich besuchte einmal eine Lenca-Gemeinde in der Nähe von Gracias, Honduras. Die Frauen zeigten mir, wie sie Ton aus dem Flussbett graben, ihn von Hand formen, und dann in offenen Feuern brennen – Techniken, die seit präkolumbianischen Zeiten unverändert sind.
Garifuna (Honduras, Belize, Guatemala, Nicaragua) – Eine faszinierende Gruppe von etwa 600.000 Menschen mit einer einzigartigen Geschichte. Die Garifuna sind Nachfahren von afrikanischen Sklaven und Kariben-Indigenen, die sich auf der Insel St. Vincent vermischten. 1797 wurden sie von den Briten deportiert und landeten an der Karibikküste Zentralamerikas.
Die Garifuna-Kultur ist eine wunderbare Fusion: Afrikanische Rhythmen treffen auf indigene Traditionen. Ihre Musik – besonders die Punta – ist mitreißend. Ich habe einen Garifuna-Feiertag in Livingston, Guatemala, miterlebt – Trommeln, Tanz, Kassava-Brot, Hudut (Fisch-Kokosnuss-Eintopf). Es war wie eine Zeitreise durch die Karibik.
Die Garifuna-Sprache ist so einzigartig, dass die UNESCO sie als "Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit" anerkennt.
Miskito (Nicaragua, Honduras) – Etwa 200.000 Menschen an der Karibikküste, besonders in der Mosquitia-Region. Die Miskito haben eine semi-autonome Region in Nicaragua und bewahren ihre eigene Sprache und Traditionen. Sie leben traditionell vom Fischen, Jagen und Landwirtschaft.
Ich war einmal in Puerto Cabezas (Bilwi), einer Miskito-Stadt in Nicaragua. Es fühlte sich völlig anders an als das pazifische Nicaragua – andere Sprache, andere Musik, andere Architektur. Die Karibik-Küste ist wie ein eigenes Land innerhalb des Landes.
Ngäbe-Buglé (Panama) – Mit etwa 300.000 Menschen die größte indigene Gruppe Panamas. Sie leben hauptsächlich in den Bergen der Comarca Ngäbe-Buglé, einem autonomen Gebiet. Die Ngäbe-Frauen tragen farbenprächtige, handgenähte Kleider namens Naguas, die zu den schönsten traditionellen Trachten Zentralamerikas gehören.
Guna (Kuna) (Panama) – Etwa 80.000 Menschen, hauptsächlich auf den San Blas Inseln (Guna Yala). Die Guna haben eine bemerkenswerte Geschichte: Sie erkämpften 1925 ihre Autonomie von Panama und regieren ihre Inseln seitdem weitgehend selbst.
Die Guna-Frauen sind berühmt für ihre Molas – komplexe, mehrschichtige Textilarbeiten, die zu den feinsten Handarbeiten der Welt gehören. Ich habe Stunden damit verbracht, einer Guna-Frau beim Nähen einer Mola zuzusehen – jede Schicht wird von Hand geschnitten und genäht, ein Prozess, der Wochen dauern kann.
Die Mestizen – Die Mehrheit der Region
Die größte ethnische Gruppe Zentralamerikas sind die Mestizen – Menschen gemischter europäischer (hauptsächlich spanischer) und indigener Abstammung. In Ländern wie Nicaragua, Honduras und El Salvador machen sie über 90% der Bevölkerung aus.
Aber "Mestize" ist keine einheitliche Identität. In Guatemala identifizieren sich Mestizen oft als "Ladinos" – ein Begriff, der nicht nur ethnische Herkunft, sondern auch kulturelle Zugehörigkeit beschreibt. Ein Indigener, der traditionelle Kleidung ablegt, Spanisch als Hauptsprache spricht und sich von indigenen Gemeinschaften distanziert, wird als Ladino betrachtet – unabhängig von seiner genetischen Abstammung.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Carlos, einem jungen Mann aus Cobán, Guatemala. Sein Vater war Q'eqchi'-Maya, seine Mutter Ladina. "Ich fühle mich irgendwo dazwischen", sagte er. "Zu Hause sprechen wir manchmal Q'eqchi', aber in der Stadt bin ich Ladino. Es ist kompliziert."
Diese Komplexität der Identität ist typisch für Zentralamerika. Die kolonialen Kategorien – Indio, Mestize, Weiß – beschreiben die Realität nur unzureichend.
Die afro-zentralamerikanischen Gemeinschaften
Neben den Garifuna gibt es andere afro-zentralamerikanische Gemeinschaften, besonders an beiden Küsten.
An der Karibikküste leben Nachfahren von Sklaven, die auf Plantagen arbeiteten, sowie von jamaikanischen und anderen karibischen Arbeitern, die im 19. und 20. Jahrhundert kamen, um an Eisenbahnen und dem Panama-Kanal zu arbeiten.
In Puerto Limón (Costa Rica), Bocas del Toro (Panama), und entlang der nicaraguanischen Karibikküste ist die afro-karibische Kultur stark präsent. Hier spricht man Englisch (oder karibisches Kreol), isst Rice and Beans, hört Reggae und Calypso.
Ich verbrachte einmal eine Woche in Puerto Viejo, Costa Rica. Die Atmosphäre war völlig anders als im pazifischen Costa Rica – entspannter, karibischer. Ein älterer Herr namens Winston erzählte mir Geschichten von seinen Großeltern, die aus Jamaika kamen, um auf Bananenplantagen zu arbeiten.
"Wir sind Ticos", sagte er, "aber wir sind auch etwas anderes. Wir haben unsere eigene Geschichte, unsere eigene Kultur. Das macht Costa Rica reicher, vielfältiger."
An der Pazifikküste, besonders in Panama und Costa Rica, gibt es kleinere afro-lateinamerikanische Gemeinschaften – Nachfahren von Sklaven aus der Kolonialzeit. In Panama spielten sie eine wichtige Rolle beim Bau des Kanals.
Die europäischstämmige Bevölkerung
Eine kleine, aber einflussreiche Minderheit in Zentralamerika sind die Nachfahren europäischer Einwanderer.
Spanische Kolonisten bildeten die Elite-Schicht während der Kolonialzeit. Ihre Nachfahren – oft "Criollos" genannt – kontrollieren bis heute in vielen Ländern große Teile der Wirtschaft und Politik.
Deutsche Einwanderer kamen im 19. Jahrhundert, besonders nach Guatemala, um Kaffeeplantagen zu betreiben. In der Region um Cobán und am Atitlán-See gibt es immer noch deutsche Namen – Fincas mit Namen wie "Helvetia" oder "Hamburg". Einige Nachfahren sprechen immer noch Deutsch zu Hause.
Ich war einmal auf einer deutschen Kaffeefinca in der Nähe von Cobán. Der Besitzer, vierte Generation in Guatemala, hatte einen bayerischen Akzent, der stärker war als bei vielen Menschen in Bayern. "Meine Urgroßeltern kamen 1880", erzählte er. "Wir sind Guatemalteken, aber wir haben unsere Wurzeln nicht vergessen."
Italiener wanderten hauptsächlich nach Nicaragua und Costa Rica aus. In San José, Costa Rica, gibt es ganze Viertel mit italienischem Flair.
Jüdische Gemeinden existieren in allen zentralamerikanischen Hauptstädten, oft mit reicher Geschichte und bedeutendem wirtschaftlichem Einfluss.
Die asiatischen Gemeinschaften
Weniger bekannt, aber durchaus präsent sind asiatische Gemeinschaften in Zentralamerika.
Chinesische Einwanderer kamen bereits im 19. Jahrhundert, oft als Vertragsarbeiter. Heute gibt es bedeutende chinesische Gemeinden in Panama, Costa Rica und Nicaragua. In Panama-Stadt gibt es sogar ein eigenes Chinesenviertel.
Fast jede Stadt in Zentralamerika hat mindestens ein chinesisches Restaurant – oft geführt von Einwanderern aus China, Hongkong oder Taiwan. In San Pedro Sula, Honduras, erzählte mir ein chinesischer Restaurantbesitzer, dass seine Familie seit drei Generationen in Honduras lebt. "Meine Kinder sprechen besser Spanisch als Kantonesisch", lachte er.
Palästinensische und arabische Gemeinden, hauptsächlich Christen aus dem Nahen Osten, wanderten im frühen 20. Jahrhundert ein, oft vor osmanischer Verfolgung fliehend. In El Salvador und Honduras sind sie besonders präsent und haben bedeutende Geschäfte aufgebaut. Viele der reichsten Familien in diesen Ländern haben palästinensische oder libanesische Wurzeln.
Japanische Gemeinden sind klein, aber sichtbar, besonders in Panama und Costa Rica. Einige kamen als Arbeiter, andere als Geschäftsleute.
Die Mennoniten – Eine Welt für sich
In Belize (und in geringerem Maße in Guatemala und Honduras) leben etwa 12.000 Mennoniten – deutschsprachige Angehörige einer protestantischen Glaubensgemeinschaft, die ursprünglich aus Europa stammen, dann nach Kanada auswanderten, und schließlich nach Zentralamerika kamen, auf der Suche nach religiöser Freiheit und Land.
Ich fuhr einmal durch eine mennonitische Gemeinde in Belize – Spanish Lookout. Es war surreal: Blonde, blauäugige Menschen in altmodischer Kleidung, die Pennsylvania-Deutsch (Plautdietsch) sprachen, fuhren Traktoren durch tropische Landschaften. Ihre Häuser sahen aus wie aus dem ländlichen Deutschland des 19. Jahrhunderts transplantiert.
Die Mennoniten leben weitgehend isoliert, betreiben hochproduktive Landwirtschaft, und verkaufen ihre Produkte – Milch, Käse, Gemüse – an die Außenwelt. Sie lehnen moderne Technologie ab (zumindest die konservativen Gruppen), fahren Pferdewagen statt Autos, und ihre Kinder lernen in deutschen Schulen.
Es ist wie eine Zeitkapsel – eine europäische Kultur des 19. Jahrhunderts, eingefroren im tropischen Mittelamerika.
Sprachen – Ein Turm von Babel
Die sprachliche Vielfalt Zentralamerikas ist erstaunlich. Ja, Spanisch ist die Hauptsprache – aber es ist bei weitem nicht die einzige.
Über 30 Maya-Sprachen werden in Guatemala und Belize gesprochen. Viele sind nicht gegenseitig verständlich – ein K'iche'-Sprecher versteht kein Q'eqchi', genauso wie ein Deutscher kein Italienisch versteht.
Indigene Sprachen wie Lenca, Miskito, Ngäbe-Buglé, und Guna werden von Hunderttausenden gesprochen.
Kreolsprachen existieren an beiden Küsten – Garifuna an der Karibikküste, Creole-Englisch in Belize und entlang der karibischen Küste Nicaraguas und Costa Ricas.
Englisch ist Amtssprache in Belize und weit verbreitet an der Karibikküste.
Ich erinnere mich an einen Tag in Belize, wo ich innerhalb von Stunden fünf verschiedene Sprachen hörte: Englisch, Spanisch, Creole, Garifuna und Plautdietsch (von den Mennoniten). Auf einem Gebiet kleiner als Brandenburg!
Soziale Strukturen und Herausforderungen
So schön diese Vielfalt auch ist – sie kommt nicht ohne Spannungen und Herausforderungen.
Diskriminierung und Ungleichheit
In vielen zentralamerikanischen Ländern, besonders in Guatemala, gibt es eine klare soziale Hierarchie, oft entlang ethnischer Linien. Indigene und afro-zentralamerikanische Gemeinschaften haben durchschnittlich niedrigere Einkommen, weniger Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung, und sind in Politik und Wirtschaft unterrepräsentiert.
Ich war Zeuge davon mehrfach. In Guatemala, in einem gehobenen Restaurant in der Zona Viva von Guatemala-Stadt, war das gesamte Servicepersonal – Kellner, Reinigungskräfte – indigener Abstammung. Die Gäste waren fast ausschließlich Ladinos oder Weiße. Diese unsichtbare Segregation ist allgegenwärtig.
"Hier wird viel über indigene Kultur geredet", sagte mir einmal ein K'iche'-Intellektueller in Quetzaltenango. "Touristen lieben unsere Textilien, unsere Zeremonien. Aber wenn es um Jobs, Bildung, Respekt geht – da sind wir immer noch die Indios, die Unterlegenen."
Migration und Identitätsverlust
Viele junge Indigene wandern in Städte oder ins Ausland ab, auf der Suche nach besseren Möglichkeiten. Dort geben sie oft ihre traditionelle Kleidung auf, sprechen Spanisch statt ihrer Muttersprache, distanzieren sich von ihrer indigenen Identität – weil Diskriminierung real ist.
Eine junge Q'eqchi'-Frau in Guatemala-Stadt erzählte mir: "In meinem Dorf trug ich meinen Huipil jeden Tag. Hier trage ich Jeans und T-Shirt. Wenn die Leute hören, dass ich Q'eqchi' spreche, behandeln sie mich anders – nicht gut. Also spreche ich nur Spanisch in der Öffentlichkeit."
Der Bürgerkrieg und seine Narben
Besonders in Guatemala hat der Bürgerkrieg (1960-1996) tiefe ethnische Narben hinterlassen. Über 200.000 Menschen wurden getötet, 83% davon indigene Maya. Ganze Dörfer wurden ausgelöscht. Die Wahrheitskommission nannte es Völkermord.
Ich besuchte einmal das Dorf Dos Erres in Petén, wo 1982 über 200 Menschen – Männer, Frauen, Kinder – von der guatemaltekischen Armee massakriert wurden. Heute ist es ein Gedenkort. Die Stille dort ist ohrenbetäubend.
"Wir können vergeben", sagte mir eine Überlebende, "aber wir können nicht vergessen. Diese Geschichte muss erzählt werden, damit es nie wieder passiert."
Renaissance der indigenen Kulturen
Aber es gibt auch positive Entwicklungen. In den letzten Jahrzehnten gibt es eine Renaissance indigener Kultur und Identität in Zentralamerika.
Politische Repräsentation nimmt zu. Es gibt indigene Bürgermeister, Kongressabgeordnete, sogar Präsidentschaftskandidaten.
Kulturelle Wiederbelebung – junge Indigene lernen wieder ihre Sprachen, praktizieren traditionelle Zeremonien, tragen mit Stolz ihre Tracht.
Bildung in indigenen Sprachen wird in einigen Regionen angeboten, was früher undenkbar war.
Ökotourismus und Handwerk bieten wirtschaftliche Möglichkeiten, ohne dass Indigene ihre Identität aufgeben müssen.
In San Juan La Laguna sah ich junge Tz'utujil-Maya, die ein Kooperativen-Weberei-Projekt leiten, Touristen ihre Techniken beibringen, Spanisch, Englisch UND Tz'utujil sprechen, Facebook nutzen, um ihre Produkte zu vermarkten – und dabei ihre traditionellen Muster und Techniken bewahren.
"Wir können modern sein UND Maya", sagte mir einer von ihnen. "Das schließt sich nicht aus. Unsere Großeltern dachten, wir müssen uns assimilieren, um erfolgreich zu sein. Wir zeigen, dass das falsch ist."
Die zentralamerikanische Identität – Existiert sie?
Am Ende von drei Jahrzehnten Reisen durch diese Region frage ich mich oft: Gibt es so etwas wie eine zentralamerikanische Identität?
Die Antwort ist kompliziert. Ja und nein.
Politisch sind es sieben separate Länder (acht mit Belize), oft mit gespannten Beziehungen untereinander. Ein Guatemalteke fühlt sich selten als "Zentralamerikaner" – er ist Guatemalteke. Ein Tico ist stolz darauf, Costa Ricaner zu sein – nicht Zentralamerikaner.
Aber kulturell? Da gibt es Gemeinsamkeiten: Die gemeinsame koloniale Vergangenheit. Die spanische Sprache (außer Belize). Die Mais-Tortilla als Grundnahrungsmittel. Der Katholizismus, vermischt mit indigenen und afrikanischen Elementen. Die Erfahrung von Armut, Krieg, Migration.
Und vielleicht am wichtigsten: Die Vielfalt. Zentralamerika IST Vielfalt. Es ist das Indigene und das Europäische, das Afrikanische und das Asiatische. Es ist die Maya-Weberin in Chichicastenango und der Garifuna-Trommler in Livingston. Es ist der Mestize in Managua und der Guna auf San Blas.
Diese Vielfalt zu akzeptieren, zu feiern, zu schützen – das ist vielleicht die wahre zentralamerikanische Identität.
Ein persönlicher Abschluss
Ich denke an all die Menschen, die ich in den letzten drei Jahrzehnten in dieser Region getroffen habe. Die Maya-Frau, die mir geduldig die Bedeutung der Farben in ihrem Huipil erklärte. Der Garifuna-Musiker, der mich lehrte, Punta zu tanzen (ich war furchtbar). Die mennonitische Familie, die mich – trotz ihrer Isolation – freundlich zum Essen einlud. Der Miskito-Fischer, der seine Geheimnisse für einen guten Fang teilte. Die palästinensisch-honduranische Geschäftsfrau, die stolz erzählte, wie ihre Großeltern nach der langen Reise aus Bethlehem alles von vorne aufbauten.
Jeder hatte eine Geschichte. Jeder war Teil dieses großen, komplexen, manchmal widersprüchlichen, aber immer faszinierenden Mosaiks namens Zentralamerika.
Die Region hat Probleme – Armut, Gewalt, Korruption, Ungleichheit. Aber sie hat auch unglaubliche Stärke, Resilienz, Kreativität. Und vor allem: Sie hat ihre Menschen.
Menschen, die seit Jahrtausenden hier leben. Menschen, die hierher kamen – gezwungen oder freiwillig – und hier eine neue Heimat fanden. Menschen, die verschiedene Sprachen sprechen, verschiedene Götter verehren, verschiedene Geschichten erzählen – aber alle dieses kleine Stück Erde zwischen zwei Ozeanen ihr Zuhause nennen.
Das ist die Seele Zentralamerikas. Vielfältig, komplex, manchmal schmerzhaft – aber immer, immer lebendig.
Ethnische Zusammensetzung nach Land (ungefähr):
Guatemala:
Maya-Indigene: 40-60%
Mestizen/Ladinos: 40-60%
Andere (Garifuna, Xinca, Europäer): <1%
Belize:
Mestizen: 53%
Creole (Afro-Karibisch): 26%
Maya: 11%
Garifuna: 6%
Mennoniten, Europäer, Asiaten: 4%
Honduras:
Mestizen: 90%
Indigene (Lenca, Miskito, andere): 7%
Garifuna: 2%
Europäer, Araber, Asiaten: 1%
El Salvador:
Mestizen: 86%
Europäer: 12%
Indigene: 1%
Afro-Salvadorianer: 0.13%
Nicaragua:
Mestizen: 69%
Europäer: 17%
Afro-Nicaraguaner: 9%
Indigene (Miskito, andere): 5%
Costa Rica:
Europäer/Mestizen: 84%
Afro-Costa Ricaner: 7%
Indigene: 2.4%
Asiaten, andere: 6.6%
Panama:
Mestizen: 65%
Afro-Panamaer: 15%
Europäer: 10%
Indigene (Guna, Ngäbe-Buglé, andere): 10%
Wichtige indigene Sprachen: K'iche', Q'eqchi', Kaqchikel, Mam, Tz'utujil, Garifuna, Miskito, Ngäbe, Guna, Lenca (fast ausgestorben)
UNESCO Immaterielles Kulturerbe aus der Region:
Garifuna-Sprache, Tanz und Musik
Zeremonielle Tradition der Guna
Traditionelle Tänze und Musik der Maya
Tag der Toten (Barriletes Gigantes in Guatemala)
La riqueza de Centroamérica está en su gente – Der Reichtum Zentralamerikas liegt in seinen Menschen.



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